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Vitalisierung
beim Älterwerden -
ein paar kurze Worte
vorweg
Wer ist alt? Wann ist jemand alt? Warum ist jemand alt?
Wo gelten wir als alt? Und wie werden und sind wir alt?
Die ersten beiden Fragen beantwortet die Statistik: 21 Prozent
der 82 Millionen Menschen in Deutschland gelten als "alt".
Als Meßlatte wird dabei der Abschied vom Berufsleben
gewählt. Statistisch gesehen, findet der Wechsel ins
Rentner-Dasein im Alter von 59,6 Jahren statt - "alt"
ist damit ein sehr relativer Begriff.
Es ist unwiderlegbar: Älter werden wir vom Moment der
Zeugung an. Doch in den nachfolgenden Jahrzehnten werden wir
- gerade in den westlichen Industrieländern - mit der
Erfahrung konfrontiert, daß wir nicht älter werden,
sondern jung bleiben sollen. Älter-werden und Alter haben
in einem Klima des "Jugend-Wahn-Sinns" eine negative
Bedeutung erhalten. Selbst die Erkenntnis "Man ist so
alt, wie man sich fühlt", mag sie auch noch so selbstbewußt
oder trotzig geäußert werden, läßt darauf
schließen, daß jemand sein Älterwerden meidet,
verdrängt und verleugnet. Dieses energon-Programm "Hilfe
zur Selbsthilfe beim Älterwerden" soll jedem einzelnen
helfen, seine Lebensjahre zu akzeptieren, zu schätzen
und lieben zu lernen.
Nicht nur dem Leben Jahre geben, sondern den höheren
und hohen Jahren Leben geben, das ist das Konzept.
Leben mit Musik
Dabei setzt energon auf die Musik. Denn unser Ohr ist das
Organ, das die ersten und die letzten Reize in unserem Leben
aufnimmt. Noch ungeboren begegnen wir mit dem Herzschlag der
Mutter erstmals dem Rhythmus und damit der Musik. Und wenn
sich viele Jahrzehnte später der Lebenskreis schließt,
ist unser Ohr noch aktiv: Auch in der Narkose, während
hohen Fiebers oder im Koma hören wir mehr als wir fühlen,
schmecken oder riechen.
Neue Praxis-Forschungen in der Entwicklungspsychologie haben
ergeben, daß das "Leben mit Musik" dank unseres
bewundernswerten Langzeitgedächtnisses gerade im Alter
neue Kräfte weckt und Ressourcen reaktiviert, wie wir
sie zuletzt im "leichten Lernen" der Kindheit fühlten
und zeigten. Nach den mittleren Lebensjahrzehnten werden solche
Ressourcen durch hirnorganisch bedingte Veränderungen
wieder deutlicher - und nicht schwächer, wie in der Wissenschaft
vom Alter, der Gerontologie, noch bis in die 80er Jahre gedacht
wurde. So hilft hauptsächlich die musikalische Dynamik
- das griechische Wort "dynamos" bedeutet ja "Kraft"
- des Musikhörens und des Musizierens, den Zugang zum
emotionalen Fühlen und Lebendig-Sein zu finden.
Vitalität
Diese "Vitalitätsaffekte" des Bausteins Dynamik
in der Musik und deren Rhythmen nutzen die Mediziner, Psychologen
und Biologen, die bei der Prävention und Rehabilitation
von Alterserkrankungen die gesamte Persönlichkeit des
Patienten im Blick haben. Die ärztlichen energon-Autoren
gehören zu diesen Fachleuten, die ganzheitlich denken
und die vitalisierenden Kräfte der Musik nutzen und anwenden.
Nicht das Abnehmen von Fähigkeiten soll aufgehalten
werden (wie es viele Ermutigungs- und Ermunterungstherapien
versuchen). Statt dessen wird das Zentrum der Sinngebung auf
etwas gelegt, wo der Menschen "im Zunehmen bleiben kann",
wie es Hilarion Petzold und Elisabeth Bubolz in ihrem Buch
"Psychotherapie mit alten Menschen" ausdrücken.
Dieses Zunehmen betrifft aber nicht die weltliche Leistung,
sondern das innere Reifen. Karlfried Graf Dürckheim nennt
als Ziel die "Wahr-Nehmung": Das wachsende Entgegennehmen
von Wahrheiten und Wirklichkeiten in Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft.
Dabei bedeutet Musik "Wahr-Nehmung" in einem zentralen
Sinn. Sie erlaubt, das zurückliegende Leben versöhnlich
wahrzunehmen vor dem Hintergrund einer Zukunft, die weitaus
konstruktiver und erfüllter erlebt werden kann denn als
bloße "Restlebenszeit".
Dies passiert auf der "Nadelspitze der Gegenwart",
wie Sigmund Freud es ausdrückte, um neben der Winzigkeit
auch die Bedeutung des Gegenwart-Erlebens zu betonen.
energon will dabei helfen, die Gegenwart erfüllt erleben
zu können, indem Vergangenheit und Zukunft miteinander
verbunden werden. Es ist eine Kunst, mit der Zeit umzugehen.
Musik ist eine Zeitkunst: Sie erinnert Vergangenheit, erfüllt
in der Gegenwart und wirkt so auf die nächste und weitere
Zeit.
Aufgaben der Musik beim Älterwerden
Musik kann den älter werdenden Menschen helfen, ihr
Leben bewußter und freudvoller zu gestalten. Dabei ist
wichtig, Musik im eigenen Lebenskonzept anzunehmen. Die Aus-Wirkungen
auf uns qualifizieren unsere Lebensqualität psychisch
und physisch.
So führt das Hören von Musik dazu, die körperliche
und geistige Beweglichkeit zu steigern. Die Phantasie wird
angeregt, die Reaktionen auf Einflüsse von außen
werden deutlich reifer und lebhafter.
Damit verbunden steigt auch die Freude an Geselligkeit, die
Neugier auf andere Menschen. Dieses Gefühl von Eingebunden-Sein
und Geborgenheit hilft entscheidend, der gefürchteten
Alterseinsamkeit und -langeweile zu entkommen und erfrischt
so die Lebensgeister spürbar und nachhaltig. Diese so
wachgerufene Lebensfreude stärkt das Selbstwertgefühl
und damit, wie die australische Musiktherapeutin Ruth Bright
herausgefunden hat, auch die innere Kreativität.
So lernen älter werdende Menschen, im Hier und Jetzt
zu leben - ohnenur an Erinnerungen zu "kleben" oder
sich der Gegenwart zu entziehen durch ängstliches Starren
auf das Lebensende.
Das heißt nicht, daß Erinnerungen über Bord
geworfen werden sollen. Die Tätigkeit des Erinnerns anläßlich
von Erleben der "Musik der eigenen Biographie" ist
wichtig, um einen Zugang zum eigenen, persönlichen Altern
und seiner Hauptaufgabe zu bekommen: die Versöhnung mit
dem eigenen Leben, der eigenen Biographie.
Erinnern gilt dann als Teil des inneren Reifens, wenn es
an Ausdruck gebunden ist - also einem Partner oder einer Gruppe
mitgeteilt wird. Oder wir malen oder schreiben zum inneren
Erleben beim Musikhören. Eine solche Mitteilung nach
außen bietet darüber hinaus die Chance, Erinnertes
neu zu ordnen, vielleicht zu korrigieren oder neu zu sehen
und zu werten.
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